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DER GESPALTENE BLICK

 

Beate Eickhoff

 

Maike Freess arbeitet in vielen künstlerischen Medien: Fotografie, Video, Skulptur, Installation. Ihr Hauptgebiet aber ist die Zeichnung. Durchgängig – und zwar in allen ihren Medien – ist ihr zentrales Motiv die menschliche Figur – zumeist mit der Konzentration auf das klassische, anonyme Kopf- oder das Ganzfigurenporträt. Manche ihrer Arbeiten auf Papier haben mit bis zu drei Metern überwaÅNltigende Dimensionen, so wie man es eher von der Malerei auf Leinwand kennt. Zur Dimension kommt der beeindruckende Hyperrealismus ihrer Zeichenkunst hinzu, der ebenfalls eine extrem leibliche Präsenz eigen ist. Ihre Ausstellungen hat Maike Freess so inszeniert, dass alle Medien interagieren, den Raum mit einbeziehen und den Besucher nicht nur visuell beschäftigen, sondern förmlich mit dem ganzen Körper ins Werk hinein nehmen. Man kann sich gar nicht entziehen, wird selbst zum Akteur noch in Korrespondenz mit den Protagonisten in den Raumkonstrukten ihrer Bilder. Die virtuose Handhabung ihrer Zeichenwerkzeuge zusammen mit der schier unerschöpflichen Imaginationskraft, die in jedem einzelnen Blatt neue Formen, Motive, Metaphern findet, hat eine solche Wirkmacht, dass es nicht das ästhetische Gefallen ist, welches den Ausschlag für die Beschäftigung mit ihren Werken gibt. Kinder, Frauen, Männer erscheinen in expressiver Intensität, ausdrucksstark in Räumen, in denen nichts gewiss ist. Sie scheinen in Situationen des Träumens zwischen Wachsein und Schlafen verfangen. Zu ihrer Umgebung nehmen sie nur zögernd, mit den Fingerspitzen tastend, Kontakt auf. Anrührend schöne Gesichter und wohlproportionierte Figuren nimmt Maike Freess als Ausgangspunkt, doch im Prozess des Zeichnens, sozusagen in der Berührung des Papiergrundes durch die Künstlerin, beginnen sie sich zu verwandeln. Als käme da etwas ans Tageslicht, was verdrängt wird, eine zweite Natur, die außer Kontrolle gerät: Einem Jungen laufen puppenhafte, marschierende Soldatengestalten über den Rücken, der Bauch einer Frau öffnet sich und allerlei Unappetitliches kommt zum Vorschein. Fantastisches ist mit Wahrheit gemischt. Das ist keine surreale Vorstellung, man vermutet eher einen [prophetischen] Röntgenblick, der diese Bilder hervorholt. Die Haut mancher Wesen löst sich in Wucherungen auf, die in den Bildraum ausgreifen. Man sieht Gliedmaßen, die sich entfremden, oder fremde Organe, die sich anheften, aufpflanzen, verzerrte Gesichter, Menschen mit künstlichen Ersatzgelenken. Wirbelsäule und Knochen drücken sich durch, manche Körper sind mager und scheinen buchstäblich nicht von Fleisch und Blut zu sein. Schattenwesen eben. Die Textur von Bleistift auf Papier ist mit Schuld an dieser Beschaffenheit. Und dann die Doppelhände, Doppelarme, die wie Nachbilder (man denke an die Bewegungsstudien von Muybridge!) wirken. Das retardierende Zusammenspiel der Gliedmaßen wirkt wie von höheren Mächten gesteuert. Vor allem Hände und Finger spielen eine wichtige Rolle: zum Ausbalancieren des Körpers, zum vorsichtigen Vorantasten und Ausloten der eigenen Grenzen und damit zur Selbstvergewisserung dieser innerbildlichen Wesen. So kommt auch ein zeitliches Nacheinander ins Bild, ein Bewegungsablauf, als sähen wir eine Szene aus einem Schauspiel. Gekleidet sind die Akteure, wie auch schon die Menschen ihrer früheren Fotoarbeiten der Jahre 1999-2004 irgendwie altmodisch, historisch, jedenfalls auf befremdliche Art nicht einzuordnen, ein Zeichen dafür, dass die Situationen anonymisiert und unserer Jetzt-Zeit enthoben sind.

Maike Freess beschäftigt sich mit dem, was in unseren Köpfen vor sich geht; mit Bildern, die wir träumen, die wir erinnern. Im halbwachen Zustand lösen wir uns vom eigenen, vom realen Körper und unwillentlich durchleben wir Vergangenes in einer Welt der Erinnerung. In dieser Welt geht es nicht um wahre Bilder, um Wahrheit. Sondern darum, überhaupt in die Zukunft zu blicken, und um leben zu können, muss Positives unser Fühlen und Denken bestimmen. Das Negative muss deshalb verdrängt, muss ausgelöscht, muss besiegt werden. Entsprechend subjektiv sind die in der Vorstellung erinnerten Bilder. Die Ausstellung in der Samuelis Baumgarte Galerie trägt den Titel: „Korrigierte Erinnerung“. Diese Feststellung ist mehr eine Fragestellung, eine sowohl existentielle als auch psychologische, der Maike Freess künstlerisch nachgeht. Denn Grundthema ihrer Kunst ist, wie sie selbst formuliert, „der Mensch in seiner unvollkommenen, begrenzten und instabilen Natur, sein Verhältnis zu sich, zu seiner Umgebung, zu anderen Menschen und zur Gesellschaft; die Ambiguität der menschlichen Psyche“.1 Eine Bildreihe, die sie unter dieser Überschrift zeigt, nennt Maike Freess „Die Erben“, womit sie auf die Vererbung von Prädispositionen anspielt, auf die ungewollte Mitgift, die unsere Ahnen uns auf unserem Weg durchs Leben hinterher schicken. Wir müssen zusehen, was wir daraus machen, möglichst emanzipiert und mit einem freien Willen ausgestattet unsere Existenz ins Positive retten. Wir müssen uns immer wieder mit unserer Herkunft, unseren Vorfahren beschäftigen, um zu erkennen, wer wir selbst sind, wo unsere Möglichkeiten liegen. Rückwärts gewandt ist aber kein Blick in die Gegenwart möglich. Das ist das Dilemma, das spaltet. Den gespaltenen Blick visualisiert Maike Freess mit dem künstlerischen Mittel der von ihr erfundenen „Paper cut-outs“ oder „Cuts“, wie sie diese Papiercollagen nennt. Zunächst waren das Streifen aus geschnittenem Papier in schwarzer oder weißer Farbe, die die Zeichnung aus der Ebene des Bildes in den Raum wachsen lassen. Mit konstruktivistischer Strenge geschnitten, in der zackigen Linienführung eher eine expressionistische Ausdrucksform, durchqueren, durchkreuzen sie unsere Sicht auf das Bild. Man könnte an kubistische und futuristische Experimente denken, die ein Ding zerlegten, um es aus unterschiedlichen Perspektiven gleichzeitig zu erfassen. Doch wäre das zu formal gedacht. Vielmehr vergegenwärtigen die „Cuts“ die Außenwelt, erzeugen Leerstellen, Brüche und Hervorhebungen in der Kontinuität der Darstellung. Die „Cuts“ sind „Faktizität und Suggestion zugleich. Sie beschreiben Turbulenzen und bringen in ihrer definierten Form im indefiniten Raumgefüge das Prekäre und Instabile einer Welt zur Anschauung, in der es mehr als eine Wirklichkeit gibt“2. Die Idee der „Cuts“ führt sie in ihren jüngsten Arbeiten weiter aus. Beim Porträt wirken zueinander versetzte oder verrutschte Bildhälften wie ein zerbrochener Spiegel, der nicht ein, sondern viele Ichs zeigt, und eine Persönlichkeitsspaltung zu erkennen gibt. Vergleichbar sind die Bruchstellen auch mit einer gesprungenen Verglasung, die das Bild, das sie schützen soll, zerschneidet, verletzt. Die tragische Figur des Narziss kommt in den Sinn, der seine Schönheit im Spiegel des Wassers betrachten will, doch das Bild zerrinnt, er kann es nicht festhalten. Bei den Ganzfiguren, die in einer Art Gehäuse gefangen sind, mag man ebenfalls an den einsamen Narzissten denken: „Der sehr narzisstische Mensch hat eine unsichtbare Mauer um sich erstellt“, schreibt Erich Fromm, „er ist alles, die Welt ist nichts – oder vielmehr: Er ist die Welt.“3 Vom „Cut“ führt der nächste Schritt zur Collage. Wirklichkeits- oder auch Traumfragmente, Erinnerungsbilder, werden geschnitten und mit der Collage werden neue Zusammenhänge, neue Einheiten geschaffen, die ganz dem Willen der Künstlerin folgen. Für Maike Freess ist es ein Kunstgriff, der auf die Möglichkeiten des Umgangs mit Bildern anspielt. Die Erinnerungsbilder werden in neuer Einheit zur Welt – ad libitium und in größter Subjektivität – gestaltet. „Geschichtsklitterung“ nennt es die historische Forschung. Der Film “Passage”, 2017, eröffnet die Ausstellung und stimmt auf die zutiefst emotionale Spannung ein: Zehn Paare begrüssen sich mit einer innigen Umarmung, lösen sich wieder und verlassen das Bild. Die minimalistische Ästhetik mit der Konzentration auf die Akteure, der dem Farbkreis folgenden Kolorierung und dem sanften Ton im Hintergrund lassen eine Verwandtschaft zum „Tableau vivant“ erkennen, in dem Bilder von Schauspielern nachgestellt werden. Das Video wird rückwärts und in 6-facher Zeitlupe abgespielt. Aus der Begrüssung wird die Trennung, und es ist möglicherweise das, was wir als das Wesentliche von einer Begegnung erinnern. In der Erinnerung wird das tatsächlich Erlebte „korrigiert“. Und auch in dieser Ausstellung „Korrigierte Erinnerung“ steht, wie schon bei der Wuppertaler Ausstellung „Von blinder Gewissheit“, eine Skulptur im Mittelpunkt. In Formenund Farbsprache steht sie jeweils in enger Verwandtschaft zur Zeichnung. War es in „Von Blinder Gewissheit“ ein junges Mädchen mit langem blondem Haar, grauem Faltenrock und einem Sprengstoffgürtel um die Taille, so handelt es sich diesmal um einen kleinen Jungen. Schwer senkt sich eine Hülle aus Blei auf seine Schultern, und trotzdem schaut er unschuldig und wach nach vorne. Mit weiß gebügeltem Hemd und roter Fliege um den Hals geschnürt, ist er - fremdbestimmt - herausgeputzt zur großen Aufgabe. Die überlangen Arme kämpfen sich unter dem Blei hervor, gehen über die eigenen Grenzen hinaus. Er tastet sich in die Welt. Doch die zarte, rosa-weißliche Haut ist an einigen Stellen schon grau durchdrungen. Man assoziiert Hölderlins „bleierne Zeit“, denkt vielleicht auch an Degas träumende „kleine Tänzerin“. Vielleicht bedeutet die Last auch Glück, der Titel der Skulptur „Die Erbschaft“ lässt das offen. Die sicherste Gewissheit geht mit den größten Zweifeln einher.

 

1 Katalog „Maike Freess. Von blinder Gewissheit, Von der Heydt-Kunsthalle

2 Thomas Hirsch, Katalog „Maike Freess. Von blinder Gewissheit,

Von der Heydt-Kunsthalle Wuppertal, 2015, S. 109.

3 http://fromm-online.org/narzissmus/

 

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